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Deutsche Depressionshilfe warnt vor Versorgungsunsicherheit

Klinik für Psychiatrie, über dts Nachrichtenagentur

Berlin (dts Nachrichtenagentur) – Der Psychiater und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, warnt vor einer Versorgungsunsicherheit für Erkrankte und einem Anstieg von Suiziden aufgrund der Coronakrise. „Ambulanzen psychiatrischer Kliniken machen dicht. Pflegepersonal wird umgeschichtet, Räume anders genutzt. Therapiestunden und Selbsthilfegruppen fallen aus“, sagte Hegerl der „Welt“ (Freitagsausgabe).

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Patienten berichteten, dass stationäre Therapien verschoben worden seien. Die Sorge sei groß, dass Patienten Behandlungen abbrechen oder nicht anfangen würden, um zu Hause zu bleiben. Auch das Kontaktverbot erschwere die Situation für Betroffene. „Es macht es nicht leichter, zumal Depressive sowieso dazu neigen, sich zurückzuziehen.“ „Ich habe große Sorge, dass sich die Suizidrate deutlich erhöhen wird, nicht wegen der Ängste und Sorgen wegen Corona, sondern weil die Versorgungsqualität für psychisch Erkrankte nachlässt“, so Hegerl weiter. In den vergangenen 35 Jahren habe sich die Zahl der Suizide in etwa halbiert, weil sich Menschen Hilfe holten und Ärzte die Erkrankung besser erkennen. „Dass es nun wieder schwieriger ist, sich Hilfe zu holen, wird die Suizidrate nach oben treiben.“ Dazu, dass auch psychiatrische Kliniken dazu angehalten sind, in der Coronakrise Behandlungen gegebenenfalls aufzuschieben, sagte Hegerl: „Auch im psychiatrischen Bereich gibt es Fälle, die man aufschieben kann, weil sie nicht lebensgefährlich sind.“ Allerdings sei es schwierig einzuschätzen, wie schwerwiegend der Zustand einer Person sei. Eine Depression etwa könne sich sehr schnell verschlechtern. „Die Politik und das Gesundheitssystem stehen insgesamt vor der sehr schwierigen Aufgabe, abzuschätzen, ab wann bestimmte Maßnahmen mehr Leid und Tod verursachen, als sie verhindern. Corona-Tote werden gezählt, die durch die Gegenmaßnahmen verursachten Toten sind schwer zu zählen.“ Einen außergewöhnlichen Anstieg von Neuerkrankungen aufgrund der Coronakrise erwartet Hegerl hingegen nicht. Äußere Umstände wie Corona seien weniger bedeutsam als Ursache von Depressionen, als viele glauben. „Depressionen sind eigenständige Erkrankungen und mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände. Entscheidend ist die Veranlagung.“

Foto: Klinik für Psychiatrie, über dts Nachrichtenagentur

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1 Kommentar

  1. Nora
    3. April 2020 um 21.03

    Endlich mal ein kritischer Artikel! Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, die massiven Einschränkungen nach und nach zurück zu schrauben. Es ist mittlerweile klar, dass diese eine Vielzahl anderer Opfer mit sich bringen, sei es nun durch Suizide, häusliche Gewalt oder die desaströsen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Persönlich kenne ich etliche Menschen, die nun um ihren Job fürchten müssen, wenn sie diesen denn noch nicht verloren haben. Ebenso ist es mittlerweile so gut wie unmöglich, einen Therapieplatz zu finden (was vorher schon schwierig und mit erheblichen Wartezeiten verbunden war). Die Suizidrate in Deutschland ist weitaus höher, als die Zahl der Coronatoten. Merkwürdiger Weise scheint das aber kaum jemanden zu interessieren, sofern es sich nicht gerade um eine Person des öffentlichen Lebens handelt. Klar – es ist ja nicht ansteckend. Hier läuft meiner Meinung nach etwas grundlegend schief.