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Astrazeneca-Chefentwickler: Sollten Herdenimmunität vergessen

Menschen mit Maske, über dts Nachrichtenagentur

London (dts Nachrichtenagentur) – Andrew Pollard, Chefentwickler des von Astrazeneca produzierten Impfstoffs Vaxzevria, hält das Konzept einer Herdenimmunität für verfehlt. „Wir sollten die Idee einer Herdenimmunität vergessen“, sagte er der „Welt“ (Dienstagausgabe).

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„Wenn wir es mit einem Virus zu tun hätten, das sich nicht verändert, könnten Mathematiker den nötigen Bevölkerungsanteil ausrechnen.“ Für Masern etwa seien es 95 Prozent. „Wenn es bei Covid-19 bei dem Strang aus dem vergangenen Jahr geblieben wäre, dann ginge das Konzept der Herdenimmunität noch auf. Aber das ist bekanntlich nicht der Fall“, so Pollard. Der Immunologe ist Direktor der Oxford Vaccine Group. Die eigentliche Frage sei, „wie viele Menschen wir impfen müssen, damit wir die Zahl jener minimieren, die schwer erkranken und ins Krankenhaus müssen“. Zumindest in Europa könne man „aber davon ausgehen, dass die meisten Menschen mit hohem Risiko in diesem Sommer geschützt sein werden“. Laut Pollard zeigen neueste Daten der britischen Arzneimittelbehörde MHRA, „dass die Rate der Gerinnsel nach einer zweiten Impfung sehr, sehr niedrig ist“. Sie sei schon bei der ersten Dosis „extrem niedrig“ gewesen. „Falls Sie heute noch Autofahren – das ist in Europa viel gefährlicher als diese Impfung.“ Der studierte Biologe sieht das in Deutschland für den 7. Juni geplante Aufheben der Impfpriorisierung kritisch. „Wir haben eine Pandemie wegen der Überlastung von Gesundheitssystemen.“ Der einzige Ausweg sei, Menschen über 50 und mit Vorerkrankungen zu impfen. „Die erste Priorität sollte sein, dass Menschen nicht schwerkrank in Kliniken müssen, damit unsere Wirtschaft und ganze Existenz wieder zur Normalität übergeht.“ Erst danach sei eine Impfung der weiteren Bevölkerung gut, „weil das die Verbreitung stoppt“, so Pollard. Der an der Universität Oxford lehrende Immunologe schätzt, dass vorhandene Impfstoffe ausreichend vor schwerer Erkrankung durch die sich auch in Deutschland verbreitende indische Mutation schützen. „Wir sollten uns nicht zu sehr auf die indische Mutation konzentrieren, sie ist eine von vielen. Die Erkenntnisse sind bisher beruhigend, dass die angewendeten Impfstoffe sehr wirksam sind, um schwere Erkrankungen wohl zu verhindern.“ Er sieht weiter kein Ende der Pandemie. Aus globaler Perspektive habe der „Krieg gegen das Virus“ erst begonnen. „Hier in Europa mag es scheinen, als sähen wir Licht am Ende des Tunnels. Aber wenn man heute in Nepal oder in Indien sitzt, dann scheint es kein Ende des Tunnels zu geben.“

Foto: Menschen mit Maske, über dts Nachrichtenagentur

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2 Kommentare

  1. Conny Lipp
    23. Mai 2021 um 12.17

    Mich freut; dass hier endlich mal jemand zu Wort kommt, der wirklich Ahnung hat und seine Antworten so erklärt, dass ein Großteil der Leser es versteht. So müssten unsere Politiker ihre Maßnahmen erklären! Dann gäbe es nicht so viele Menschen, die die Einschränkungen, die die meisten von uns hinnehmen, per Demo verteufeln! Ich war mein 3/4 Leben Lang Pflegerin und bin immer noch mit Herz und Hirn dabei, lese jeden Artikel der Wissenschaft. Dieser hier ist von einem Fachmann sehr gut dargestellt. Danke dafür!

  2. W. Lorenzen-Pranger
    24. Mai 2021 um 0.30

    „…und seine Antworten so erklärt, dass ein Großteil der Leser es versteht.“

    Ja? Wo denn? Jedenfalls finde ich in der Meldung oben nicht eine einzige inhaltlich relevante Erklärung, weder über die Wirkungsweisen der Impfstoffe noch über die dadurch veränderten Verläufe von Erkrankungen trotz Impfung, von denen ja immerhin in der Presse berichtet wurde. Da wird behauptet, aber gar nichts erklärt.
    Erklärungen sind für mich immer noch die Darstellung einer Tatsache mit einer schlüssigen inhaltlich überprüfbaren Begründung warum etwas so und nicht anders passiert. Davon ist da aber nun mal leider nichts. Gar nix.