Theater

„Sweeney Todd“: Thriller nur auf dem Papier

Sweeney Todd im Oldenburgischen Staatstheater.

Melanie Lang (Mrs. Nellie Lovett) überzeugt in der schwarzen Operette gesanglich und weiß auch Tomasz Wija (Sweeney Todd) mit ihrer makabren Geschäftsidee zu überzeugen.
Foto: Stephan Walzl

Oldenburg (vs) Wenn der Premierenapplaus nach drei Stunden „Sweeney Todd“ herzlich ist, aber nach nur zwei „Vorhängen“ auch schon wieder endet, hat das Publikum entweder mehr Lust auf Häppchen und Sekt oder die Inszenierung von Michaels Moxham im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters hat nicht gänzlich überzeugt.

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Der englische Regisseur hat sich bei der Inszenierung der „schwarzen Operette“, wie Autor Stephen Sondheim sie selbst beschreibt, für eine schwarze Komödie entschieden, die mit reichlich (überflüssigen) Gags garniert wird und Spannung vermissen lässt. Besonders im ersten Teil, bis die Geschichte des mordenden Sweeny Todd erst richtig Fahrt aufnimmt, hat zahlreiche Längen ohne Spannungsbögen. 90 Minuten, in denen eigentlich nur erzählt und gesungen wird, wie aus dem verbannten Familienvater ein sich rächender Massenmörder wird, sind einfach zu lang. Thrill? Fehlanzeige.

Michael Moxham inszenierte in der vergangenen Spielzeit am Staatstheater auch „Hänsel und Gretel“ und beschrieb vorab bei der gut besuchten Soiree auch gleich eine Gemeinsamkeit: Die Hexe – bei „Sweeney Todd“ die Pastetenbäckerin Mrs. Lovett – endet im Backofen. Um der Inszenierung darstellerisch und inhaltlich mehr Tiefe zu geben, wäre die Wahl eines singenden Schauspielensembles sicherlich treffender gewesen. Die Sängerinnen und Sänger überzeugen gesanglich auf ganzer Linie, aber sie singen eben und sind keine Darsteller. Die Charaktere wirken opernhaft aufgesetzt und nur ansatzweise überzeugend. Bei den musikalisch anspruchsvollen und untypischen Musicalmelodien aber sicherlich die richtige Entscheidung. „Sweeney Todd“ ist kein klassisches Musical mit Ohrwürmern und Tänzern. Die eingestreuten Gags (die Merkel Raute oder die Verortung eines Seeliedes nach Dangast) sind überflüssig. Es sind die kleinen Makel wie ein Kugelschreiber zum Briefe schreiben oder die falschen Küsse des Liebespaares Johanna und Anthony (Lukas Strasheim als sofort zu erkennender ausgebildeter Musicaldarsteller), die aufmerksamen Betrachtern ins Auge fallen.

Perfektes Bühnenbild

Für das zum Thema passend düstere Bühnenbild des viktorianischen Londons zeigt Ausstatter Jason Southgate perfekt erfüllte Verantwortung. Mit beweglichen Bühnenwagen werden die Szenarien fließend ohne Umbaupausen gewechselt. Aus dem Bühnenboden fährt eine Irrenanstalt empor und vom Schnürboden schwebt das Zimmer und zugleich „Käfig“ der blonden Schönheit und Todds Tochter Johanna (glockenreiner Sopran von Alexandra Scherrmann) herab. Ziehvater und Richter Turpin (Stephen Foster) wird auf einem meterhohen, überdimensionalem Richterstuhl vorgefahren. Hafenszenen werden mit schweren Ketten, Haken, Zahnrädern und Fabriksirenen angedeutet. Der Rasierstuhl des mordenden Sweeney Todd (Tomasz Wijaim mit warmen und satten Bassbariton) im ersten Stock der Bäckerei ist ein Geniestück, der sich nach erfolgten Kehlenschnitt an den Opfern als Rutsche in die Backstube verwandelt. Die Kostüme sind passend zeitlos. Warum Mrs. Lovett (herzlich, Melanie Lang) zum Zeichen ihrer erfolgreichen Geschäftsidee im zweiten Akt in einen bunten Papageifummel gesteckt wird, der völlig aus dem Rahmen fällt, bleibt ein Rätsel oder ist ihrer Geschmacksverirrung ob des schlichten Gemüts geschuldet.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Carlos Vázquez, der das Oldenburgische Staatstheaters perfekt durch die anspruchsvolle und vielschichtige Partitur führt. Der Opernchor, anfangs schwer zu verstehen, beschreibt als „Erzähler“ das Geschehen und ist klangvoll in Szene gesetzt. Weiter sind Paul Brady, der wieder einmal sein humoriges Talent zeigen darf, als schrill-überzeichneter Friseur Adolfo Pirelli, Philipp Kapeller als naiver Tobias, Friederike Hansmeister als Bettlerin sowie Sandro Monti als Büttel Bamford zu sehen.

Termine und Karten gibt es unter www.staatstheater.de.

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