Wirtschaft

Deutschkenntnisse sind das A und O

Die Integrationsguides Ronald Albrecht sowie Dr. Tamara Alchammas und Agenturleiter Dr. Thorsten Müller hoffen darauf, noch in diesem Jahr erste Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Die Integrationsguides Ronald Albrecht und Dr. Tamara Alchammas sowie Agenturleiter Dr. Thorsten Müller (rechts) hoffen darauf, noch in diesem Jahr erste Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Foto: Anja Michaeli

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LzO Beratung

Oldenburg (am) – Die Integrationsguides Dr. Tamara Alchammas und Ronald Albrecht haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Potenziale von Flüchtlingen zu erkunden und gemeinsam mit ihnen Strategien zu entwickeln. Ihr Ziel ist es, die Flüchtlinge für die deutsche Arbeitswelt fit zu machen. Sie beraten auf Englisch, Italienisch und Arabisch. Die beiden erfahrenen Flüchtlingsberater, die bisher ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig waren, sind seit August für die Agentur für Arbeit Oldenburg – Wilhelmshaven in den Unterkünften und Flüchtlingstreffs unterwegs und bieten Sprechstunden in der Region an.

200 Flüchtlinge werden zurzeit von den Integrationsguides betreut. Rund 30 Prozent kommen aus Syrien, zwölf Prozent aus Afghanistan und jeweils um die zehn Prozent stammen aus dem Irak und aus Eritrea. Knapp ein Viertel hat im Heimatland ein Studium absolviert. „Es kommen unter anderem Elektriker, Hebammen, Lehrer, usw. – mit und ohne Papiere“, so Ronald Abrecht. Die Arbeitsagentur kümmert sich um Flüchtlinge bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihr Asylverfahren abgeschlossen ist, sowie um Geduldete. Nach der Anerkennung werden sie vom Jobcenter weiter betreut. Welche Zugangsbedingungen zum Arbeitsmarkt bestehen, hängt maßgeblich von dem aktuellen Aufenthaltsstatus ab (siehe www.bamf.de und www.arbeitsagentur.de).

Die Integrationsguides wollen die Angst vor Behörden nehmen und die Flüchtlinge bei der Suche nach Arbeit unterstützen. „Sie sind aktiv unterwegs und bei den Flüchtlingen bekannt“, sagt Agenturleiter Dr. Thorsten Müller. Bei ihren Aufgaben gehe es um eine individuelle Beratung, Klärung der Wünsche und schnelle Integration, aber auch um den Aufbau eines Netzwerkes und die intensive Zusammenarbeit mit Arbeitgebern. Es gilt, die Kompetenzen der Flüchtlinge zu klären und auf ihre Erfahrungen aufzubauen. Wer in seiner Heimat eine Ausbildung gemacht hat, könne in Deutschland beispielsweise als Helfer arbeiten oder die Wissenslücken könnten geschlossen werden. Für die zahlreichen jungen Menschen kommt eine Berufsausbildung infrage. „Nur acht bis zehn Prozent der Flüchtlinge schaffen es, im ersten Jahr eine Ausbildung oder Arbeit zu finden“, so Dr. Müller. Für die Hälfte der Arbeitssuchenden dauere der Integrationsprozess bis zu fünf Jahren. Er rechne damit, dass 70 Prozent der Flüchtlinge in 15 Jahren in Lohn und Brot sind. „Wir haben keinen Sprint, sondern einen Marathonlauf vor uns“, weiß der Agenturchef.

In einem ersten Schritt erstellen die Integrationsguides ein „Profiling“, sie erfassen den Lebenslauf, klären die schulischen, universitären und beruflichen Abschlüsse und ihre Anerkennung in Deutschland sowie die Berufserfahrungen der Flüchtlinge. „Die Menschen haben oft Potenzial, aber selten formale Qualifikationen wie Zertifikate“, so Dr. Thorsten Müller. Das größte Hemmnis sind die Sprachprobleme. „Die Flüchtlinge kommen größtenteils ohne Deutschkenntnisse, sind aber sehr motiviert zu lernen“, so Dr. Tamara Alchammas. Deshalb ist die erste Maßnahme fast immer ein Deutschkurs, wenn einer zur Verfügung steht. Die Lehrkräfte sind rar, das Land Niedersachsen will zurzeit unter anderem pensionierte Lehrerinnen und Lehrer aktivieren. Bundesweit stehen jetzt bis zu 121 Millionen Euro für Sprachkurse zur Verfügung, die sich an Flüchtlinge richten, die keine bis geringe Deutschkenntnisse haben. Außerdem werden Sprachlernklassen mit berufspraktischen Anteilen an den Berufsbildenden Schulen eingerichtet. Beachtenswert findet Ronald Albrecht, dass alle Flüchtlinge zügig auf den Arbeitsmarkt wollen. Aber die Deutschqualifikation B1 (Niveau nach dem Europäischen Referenzrahmen) sei für Arbeitsanweisungen, die über eine normale Unterhaltung hinausgehen, einfach notwendig.

32 Flüchtlinge nehmen zurzeit an speziellen Integrationskursen teil. Auch hier sind Sprachkompetenzen (Niveau A1) zwingend erforderlich. Inhaltlich geht es um Informationen über den deutschen Arbeitsmarkt. Die Hälfte der Teilnehmer absolviert zudem ein betreutes Praktikum. Sie lernt Deutsch mit direktem Bezug zur Berufswelt und die Arbeit knüpft an die Berufskenntnisse aus den Herkunftsländern an. Der Frauendurchschnitt bei den Maßnahmen liegt unter 25 Prozent. Dies sei eine besondere Problematik, so der Agenturleiter, denn Frauen seien in ihren Herkunftsländern oft von der Bildung abgeschnitten gewesen. Zusätzlich konnten sechs Flüchtlinge auf Praktikumsstellen vermittelt werden, die nicht mit dem Kurs im Zusammenhang stehen. Vier von ihnen arbeiten bei der Landesaufnahmebehörde in Blankenburg und können so anderen Flüchtlingen – auch als Sprachbrücke – zur Seite stehen. Dr. Müller ist zuversichtlich: „Wir hoffen auf erste Arbeitsverträge noch in diesem Jahr.“

Für die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt stehen zusätzliche Mittel zur Verfügung. Trotz der Top-Priorität sind die Bemühungen um die Arbeitsbeschaffung für zum Beispiel Langzeitarbeitslose gleichrangig, stellt der Leiter der Arbeitsagentur, Dr. Thorsten Müller, klar.

Die Agentur für Arbeit stellt weitere Integrationsguides ein. Das Team wird auf fünf Mitarbeiter aufgestockt, die sich im kommenden Jahr um rund 1600 Flüchtlinge kümmern werden.

Dringend gesucht werden Unternehmen, die ein Langzeitpraktikum als Einstiegsqualifikation für Ausbildungen anbieten können. Zuschüsse und ausbildungsbegleitende Hilfen sind möglich. Es wird ebenfalls darum gebeten, Praktikumsstellen sowie Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu melden.

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