Gesundheit

Pflege braucht gute Kommunikation

Birgit Voß und Rita Wick vom Vorstand des Versorgungsnetzes Gesundheit führten durch die Veranstaltung Hilfe annehmen, Hilfe gestalten und begrüßten als Referenten Ilka Haupt, Regina Schmidt und Wolfgang Bartels sowie Martina Hasseler, Carsten Kruse und Sigrid Wilmink.

Birgit Voß (links hinten) und Rita Wick (2. von rechts hinten) vom Vorstand des Versorgungsnetzes Gesundheit führten durch die Veranstaltung „Hilfe annehmen, Hilfe gestalten“ und begrüßten als Referenten Ilka Haupt, Regina Schmidt und Wolfgang Bartels (hintere Reihe) sowie Martina Hasseler, Carsten Kruse und Sigrid Wilmink (von links).
Foto: Versorgungsnetz Gesundheit

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Oldenburg (zb) – Selbstbestimmt und unabhängig leben – das sind für jeden von uns wichtige und zugleich selbstverständliche Werte. Werden sie unverhofft bedroht, geraten wir massiv ins Wanken. Denn wer lässt sich schon gerne helfen oder gar pflegen? Genau darum ging es bei der öffentlichen Veranstaltung „Hilfe annehmen, Hilfe gestalten“, zu der das Oldenburger Versorgungsnetz Gesundheit eingeladen hatte.

Über 70 Teilnehmer interessierten sich für diese Thematik – darunter zahlreiche Menschen, die Angehörige pflegen, aber auch professionelle Pflegerinnen. Konkret ging es um Pflegebedürftigkeit und die Angst vor Autonomieverlust und Abhängigkeit.

Der Oldenburger Carsten Kruse lebt seit seiner Geburt mit einer schweren körperlichen Behinderung und schilderte eindrucksvoll seinen Alltag und wie schwer es auch ihm mitunter noch fällt, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Pflegende und Gepflegte sollten versuchen, offen miteinander zu sprechen und klare Absprachen zu treffen“, riet der Jurist, der bei SeGOld, „Selbstbestimmt Leben – Gemeinschaft Oldenburg“, ehrenamtlich engagiert ist und dort Menschen mit Handicaps über persönliche Assistenz berät.

„Kommunikation, ob im Krankenhaus, im Altenheim oder zu Hause, ist das Wichtigste bei der Pflege“, ist auch Wolfgang Bartels, ehemaliger Geschäftsführer des Diakonischen Werks Oldenburg und Patientenfürsprecher im Klinikum Oldenburg, überzeugt, der seit Jahren seine Frau pflegt. „Tägliche Pflege ist mitunter hart, aber ich fühle mich beschenkt, weil ich gelernt habe, damit umzugehen. Durch viele Gespräche haben meine Frau und ich die Situation angenommen und versuchen, so viel Normalität wie möglich herzustellen.“ Dazu gehöre auch die Kompetenz der zu Pflegenden und Freiraum für alle Beteiligten zu bewahren, betonte er. Pflege rund um die Uhr sei nicht durchzuhalten.

Das bestätigte die Oldenburger Psychologin Sigrid Wilmink. „Wenn der Leidensdruck von Kranken und Pflegenden immer größer wird, entlädt er sich und macht die Situation noch viel schlimmer“, beobachtet sie in ihrer täglichen Praxis. 70 Prozent aller Pflegenden in Deutschland sind als seelisch stark belastet einzustufen, berichtete sie weiter. Dahinter verbirgt sich Überforderung und Isolation. Auch sie riet zu einer offenen Kommunikation und Freiräumen für Pflegende, um eine destruktive Dynamik zu verhindern. Pflegende sollten zudem nicht in die Opferrolle schlüpfen, über ihre Grenzen offen sprechen und sich ihren Kummer gelegentlich von der Seele reden.

Doch wie soll das funktionieren? „Indem man sich an den Pflegestützpunkt der Stadt Oldenburg wendet“, erklärten die beiden Mitarbeiterinnen Ilka Haupt und Regina Schmidt. Sie sind die Expertinnen für schnelle und vor allem umfassende, neutrale und kostenlose Hilfe, wenn plötzlich in der Familie jemand zum Pflegefall wird. Die beiden Frauen finden sich im Pflegedschungel zurecht. Sie kennen nicht nur sämtliche gesetzliche Hilfen, sondern auch Einrichtungen aller Art und vor allem Hilfsangebote für Angehörige, die immer wichtiger werden, weil Jahr für Jahr mehr Menschen gepflegt werden müssen.

„Tatsächlich steigt der Bedarf an Pflegekräften rapide. Gleichwohl ist der Beruf unattraktiv und viele Pflegekräfte sind buchstäblich auf der Flucht“, weiß Prof. Dr. Martina Hasseler. Die Gesundheitswissenschaftlerin von der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg sieht bereits eine Patientengefährdung durch Fachkräftemangel. „Nur bis 2020 werden zusätzlich rund 40.000 Pflegekräfte in Deutschland benötigt.

„Wir haben zurzeit ein Pflegeniveau wie in Griechenland“, erklärte sie und kritisierte die Bundesregierung wegen ihrer Anwerbungsversuche. Die seien nicht nur gescheitert sondern auch falsch. „Wir brauchen dringend qualifizierte Pflegekräfte, weshalb die Politik den Beruf attraktiver machen muss“, lautete ihre Forderung. Eine angemessene Bezahlung sowie öffentliche Anerkennung seien unumgänglich, um den totalen Pflegenotstand zu verhindern, so die Expertin. „Pflege ist unsere Zukunft“, sagt sie mit Blick auf den demografischen, gesellschaftlichen und sozialen Wandel. Für sie steckt der Pflegebereich voller Potenziale, großen Chancen und Herausforderungen, weshalb hier Menschen mit Visionen gebraucht würden.

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