Kultur

TATORT Göttingen: „Alles kommt zurück“

Maria Furtwängler mit den Udo Lindenberg-Doubles

Maria Furtwängler mit den Udo Lindenberg-Doubles.
Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus

Achim Neubauer Charlotte Lindholm, zurzeit als Kriminalkommissarin in Göttingen aktiv, verabredet sich online zu einem erotischen Abenteuer in Hamburg. Im Hotel findet sie ihr Date erstochen auf und gerät unter Mordverdacht. Am 2. Weihnachtstag sendet das Erste den neuen Fall, bei dem das Hamburger „Hotel Atlantic“ mit Dauerbewohner Udo Lindenberg eine Schlüsselrolle spielt.

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Der Panik-Rocker himself, Kult-Regisseur Detlef Buck („Karniggels“, „Männerpension“) mit seiner Tatort-Premiere, der renommierte Autor Uli Brée („Vorstadtweiber“), eine Location, die ihresgleichen sucht, und dann noch Maria Furtwängler als Hauptdarstellerin und Produzentin; was soll da schon schief gehen?

Der Leiter der Abteilung Film, Familie und Serie beim NDR Christian Granderath spricht von einem „Tatort-Special“ und schraubt damit die Erwartungen an diesen Beitrag noch höher, den man „so schnell nicht vergessen wird“. Der getriebene Aufwand ist enorm. Jens Harzer, Anne Ratte-Polle, Nadeshda Brennicke oder Kida Ramadan; die erste Reihe der deutschen Schauspielzunft gibt sich ein munteres Stell-dich-ein.

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) steht das schlechte Gewissen ins Gesicht geschrieben, als sie sich von ihrem Sohn und ihrer Mutter verabschiedet, um sich auf den Weg an die Elbe zu machen. Eine wilde Schnittfolge aus zeitlichen Vor- und Rücksprüngen lässt nun nachvollziehen, was der Kommissarin zugestoßen ist. Sie findet ihr totes Rendezvous und gerät unter Mordverdacht, trifft auf eine Horde von Udo Lindenberg-Doppelgängern und ein ambitioniertes Hamburger Kommissarsduo. Ruben Delfgau (Jens Harzer) und seine Kollegin Jana Zimmermann (Anne Ratte-Polle) geben sich alle Mühe, die Hintergründe aufzuklären. Natürlich kann Charlotte Lindholm das Ergebnis nicht abwarten, ermittelt in eigener Sache und mischt den Kiez auf. – Bald erkennt sie, dass ihr eine Falle gestellt worden ist.

Uli Brée, der für die Reihe Tatort bislang vor allem für den Wiener Ermittler Moritz Eisner (Harald Krasnitzer) geschrieben hatte, knüpft für den Plot um Kommissarin Lindholm an einen alten Fall der Ermittlerin an und entwickelt daraus ein ganz stimmiges Drehbuch. Zu seiner Aufgabenstellung gehörte darüber hinaus, ein möglichst glaubwürdiges Aufeinandertreffen mit Udo Lindenberg zu integrieren. Im Lied „Bist du vom KGB“, dass Lindenberg und Furtwängler schon 2018 als Duo sangen, heißt es: „Wir lösen ihn, den allergrößten Fall, als Undercoverteam.“ Das war ganz offensichtlich auch der dramaturgische Ansatz für seinen ersten Drehbuchentwurf. Gemeinsam sollten die beiden durch die Hamburger Nächte ziehen, um zusammen zu ermitteln. – Davon ist im fertigen Film nicht mehr viel übrig geblieben. Udo Lindenberg huscht ein paar Mal durch’s Bild, nuschelt einige Sätze und singt der Kommissarin – in der Optik einer Personality-Show inszeniert – zwei Lieder vor.

Uli Brée spricht im Presseheft des NDR davon, dass es dem Regisseur „sicher gelungen (sei), aus der Geschichte einen echten Buck zu machen.“ Genauso ist es. Dieser Tatort lebt von seinen Bildern, verlässt sich auf Skurilitäten und Detlef Buck hat seine helle Freude daran, sich selbst als Lude mit dem stelzigen Rollennamen Einstein in Szene zu setzen. Das alles fügt sich allerdings in der Inszenierung nur selten passend zusammen. Fragmente bleiben nebeneinander stehen; zu gewollt, zu künstlich, zu verspielt, zu selbstverliebt. Dabei – und das ist tatsächlich die Besonderheit dieses Films – ist der Schauwert hoch. Kamerafrau Bella Halben gestaltet tolle Perspektiven. Ein ausgesprochener Glücksfall für das Film-Team, dass das Hotel Atlantic im Frühjahr 2021 pandemiebedingt geschlossen war und genug Platz für die Dreharbeiten eröffnete. Die Hotelflure, der Ballsaal, der Empfang; die großartige Architektur des Hotels; ein schöner Blick reiht sich an den anderen. – Das Drehbuch spielt nur die zweite Rolle. Selbstverliebt bejubelt sich das NDR Tatort-Team um Maria Furtwängler; insofern vielleicht denn doch ganz passend ausgewählt für die Ausstrahlung am zweiten Weihnachtsfeiertag.

Nadeshda Brennicke und Detlef Buck.

Nadeshda Brennicke und Detlef Buck.
Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus

Gut zu wissen

  • „Alles kommt zurück“ wurde vom 9. April bis 10. Mai in Hamburg gedreht: Hauptmotiv war das legendäre Hotel „Atlantic“ an der Außenalster, in dem Udo Lindenberg tatsächlich Dauermieter ist.
  • Uli Brée schrieb insgesamt sieben Tatorte für den ORF. Er entwickelte die Figur der „Bibi Fellner“ (Adele Neuhauser) und auch der „Inkasso-Heinzi“ (Simon Schwarz) taucht zum ersten Mal in seinen Büchern auf.
  • Schon im Sommer 2020 fanden die Dreharbeiten zu einem weiteren Göttingen-Tatort statt. „Die Rache an der Welt“ (Regie: Stefan Krohmer, Buch: Daniel Nocke) sollte noch in der ersten Jahreshälfte 2022 seine Fernsehpremiere erfahren.
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