Ausbildung

Wie Azubis Klischees, Vorurteile und Ängste ablegen

André Garms, Ausbildungsleiter bei BÜFA in Oldenburg, freut sich über den Azubi Mohammad Al Sbih Al Mohamed aus Syrien. Foto: Katrin Zempel-Bley

Ausbildungsleiter André Garms (links) freut sich über den Azubi Mohammad Al Sbih Al Mohamed aus Syrien.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (zb) Mohammad Al Sbih Al Mohamed ist vor allem dankbar. Der 26-jährige Syrer ist dem Krieg in seinem Heimatland 2013 entkommen und hat am 1. August seine Ausbildung als Chemielaborant bei der Oldenburger Firma Covestro begonnen. Dass es dazu kam, verdankt er vielen Zufällen, seinem Ehrgeiz und einem engagierten Flüchtlingshelfer.

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Seit knapp zwei Jahren lebt der junge Mann in Deutschland. Aber bis er zunächst in Bramsche in einer Flüchtlingsunterkunft landete, hatte er eine Odyssee hinter sich, die ihn bis heute erschaudern lässt. In der Nähe von Damaskus wuchs Mohammad Al Sbih Al Mohamed mit seinen Eltern, seinen drei jüngeren Brüdern und einer Schwester auf. „Mein Vater ist Ingenieur, es ging uns gut. Wir hatten ein eigenes Haus und eine Firma. Doch durch den Krieg haben wir eines Tages alles verloren, weshalb wir nach Jordanien geflüchtet sind“, berichtet er.

„Ich gehe nach Deutschland, weil es ein starkes Land ist.“

Seine Familie hält sich bis heute dort auf. Allerdings hat sie dort kaum eine Perspektive. Genau deshalb wurde Mohammad Al Sbih Al Mohamed von seiner Familie auf den Weg nach Deutschland geschickt. „Ich habe in Damaskus Wirtschaft studiert. Ein einziges Semester fehlte mir für den Abschluss. Das wollte ich in Jordanien nachholen, aber das war nicht möglich. Deshalb bin ich nach Algerien geflüchtet und von dort aus nach Libyen, wo ich mit Hilfe eines Schleppers drei Tage mit 500 anderen Flüchtlingen auf abenteuerliche Weise übers Mittelmeer nach Italien gelangte. Von dort aus ging meine Flucht weiter nach Frankreich und schließlich nach Deutschland. Für mich war immer klar, ich gehe nach Deutschland, weil es ein starkes Land ist“, sagt er.

Doch auch hier konnte er sein Studium nicht vollenden. Nichts wurde ihm anerkannt. Das hielt den 26-Jährigen jedoch nicht davon ab, unverzüglich Deutsch zu lernen. „Ich habe jeden Tag viele Stunden gepaukt. Mir war klar, nur wenn ich die Sprache kann, habe ich eine Zukunft. Außerdem wollte ich die Hilfe der Deutschen nicht überstrapazieren. Ich möchte so schnell wie möglich arbeiten und Steuern zahlen“, beschreibt er sein Ziel.

Nach drei Monaten in Bramsche führte ihn sein Weg nach Bad Zwischenahn im Landkreis Ammerland. Hier lernte er den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer Werner zu Jeddeloh kennen. Dem entging nicht, wie ernst es Mohammad Al Sbih Al Mohamed war, in Deutschland schnellstmöglich Fuß zu fassen. „Herr zu Jeddeloh unterhielt sich mit mir und fragte mich, was ich mir beruflich vorstellen kann. Ich sagte ihm etwas mit Chemie, weil ich in der Schule in Chemie und Physik sehr gut war.“ Das traf sich gut, denn Werner zu Jeddeloh war bis zu seinem Ruhestand vor ein paar Jahren Chef des Chemieunternehmens BÜFA in Oldenburg. Er nahm Kontakt zu seinem einstigen Arbeitgeber auf und berichtete von seinem Schützling, der inzwischen schon sehr gut Deutsch sprechen konnte.

Kurz darauf konnte er ein Praktikum bei Covestro machen, einst ein Tochterunternehmen von BÜFA, und überzeugte sofort. „Unsere Beziehungen zu Covestro sind weiterhin sehr intensiv“, erklärt Sabine Hinrichs, Ausbildungsleiterin bei BÜFA. „Wir erledigen weiterhin die Personalarbeit für das Unternehmen und kümmern uns deshalb auch um die passenden Auszubildenden.“

„Unglaublich, was die Deutschen für mich getan haben.“

Covestro-Ausbildungsleiter André Garms ist bezüglich des neuen Azubis voll des Lobes. „Fachlich kann er viel, versteht fast alles und ist hochmotiviert. Wir freuen uns, dass er unser Kollege geworden ist.“ Der Mann aus Syrien kann sein Glück kaum fassen. „Ich bin einfach nur dankbar“, sagt er. „Unglaublich, was die Deutschen für mich getan haben und ich die Ausbildungsstelle bekomme“, freut er sich und schwärmt vom deutschen Bildungssystem. „Es ist toll, wie hier ausgebildet wird. Das kennen wir in Syrien so nicht“, erzählt er.

Ihm ist auch nicht entgangen, dass nicht alle Deutschen über die Flüchtlinge erfreut sind. „Ich habe bis heute aber nichts Negatives erlebt“, erzählt er. „Die Menschen sind alle unglaublich hilfsbereit und freundlich. Deshalb will ich umgekehrt so schnell wie möglich etwas zurückgeben.“

Rainer Krause, Leiter Personalmanagement bei BÜFA, und Sabine Hinrichs sind beeindruckt von dem neuen Azubi. „Ihm ist es ernst“, sagt Rainer Krause, der den jungen Mann als echte Bereicherung empfindet. Das ist aber nicht alles. Mohammad Al Sbih Al Mohamed hat einen sehr guten syrischen Freund, der ebenfalls aufgrund seiner Leistungen bei Covestro seine Lehre begonnen hat. „Wir bilden außerdem in beiden Betrieben Spanier aus und haben bislang gute Erfahrungen gemacht.“ Darüber hinaus gibt es weitere Mitarbeiter aus anderen Ländern.

„Die Mitarbeiter finden sehr schnell zueinander und lernen voneinander“, berichtet Rainer Krause. „Es werden Freundschaften geschlossen und somit die Integration vorangetrieben. Davon profitieren beide Seiten.“ BÜFA engagiert sich aber nicht nur für Menschen aus anderen Ländern, sondern auch für hiesige Schulabgänger, die keine besonders guten Zeugnisse vorweisen. Der Personalchef setzt auf die Mischung und wird mit seiner Philosophie belohnt. „Es gibt nur wenige Menschen, die tatsächlich für jegliche Form der Ausbildung ungeeignet sind“, sagt er. „Meistens sind sie vernachlässigt worden, kommen aus bildungsfernen Elternhäusern. Aber sie sind deshalb doch nicht alle dumm“, stellt er klar.

Von- und miteinander lernen

Bei BÜFA treffen 44 Azubis zusammen, die stark voneinander profitieren. „Da sind die Abiturienten, die inhaltlich erheblich mehr mitbringen als die Hauptschüler und ihnen helfen. Umgekehrt lernen gut behütete Abiturienten Menschen kennen, die ganz anders groß geworden sind als sie selbst. Das weckt Verständnis füreinander“, macht Rainer Krause deutlich. „Und wenn die Spanier und Mohammad Al Sbih Al Mohamed sowie sein Freund Verständnisschwierigkeiten haben, sind sofort alle hilfsbereit. So lernen sie ständig von- und miteinander.“

Damit es atmosphärisch rund läuft, hat sich BÜFA und somit auch Covestro schon seit Jahren ungewöhnliche Konzepte verordnet. Mit Beginn der Lehrzeit bekommen alle Neulinge einen Azubi-Knigge. „Den können fast alle gut gebrauchen“, stellt Rainer Krause klar. „Sie lernen, wie man sich im Kreis der Kollegen und mit Kunden verhält. Sie erfahren etwas darüber, wie man sich zu welchen Anlässen kleidet, wem man die Tür aufhält und wie man am Telefon lächelt“, nennt er nur einige Beispiele. „Ziel ist gegenseitige Wertschätzung unabhängig davon, woher sie kommen, was sie glauben, welche Sprache sie sprechen und ob sie Frauen oder Männer sind.“

Danach schickt BÜFA die Azubis auf die Insel Juist in eine Jugendbildungsstätte. Dort leben sie eher schlicht zusammen und trainieren ihre Persönlichkeit. Sie arbeiten in Projekten, die unter einem Thema wie zum Beispiel Vielfalt stehen. „Ob Theater, Film, Foto oder Literatur – sie entwickeln etwas zum Thema und tragen es am Ende den anderen vor. Es ist unglaublich für alle, was dabei an wunderbaren Dingen herauskommt“, schwärmt Sabine Hinrichs und Rainer Krause fügt hinzu, dass dort manch ein Azubi Talente bei sich entdeckt, die bislang unbekannt waren. Außerdem treiben sie mit Profis ungewöhnliche Sportarten wie Brandungspaddeln, Bogenschießen oder klettern an einer Kletterwand. Und schließlich steigt jeder mit einem Fluglehrer in einem Motorsegler auf. Ziel ist es, dass jeder den Segler steuern und landen kann. „Was anfangs unglaublich für sie klingt, wird langsam Wirklichkeit“, schildert Sabine Hinrichs den Entwicklungsverlauf.

Über eigene Grenzen gehen

„Jeder schafft am Ende die Aufgabe, ist angetan von sich selbst und glücklich über ein wahnsinniges Erlebnis. Tatsächlich erleben sie Perspektivwechsel, übernehmen Verantwortung, gehen über eigene Grenzen und erleben sich und die anderen vollkommen neu. Das schweißt nicht nur zusammen, da werden auch Klischees, Vorurteile und Ängste auf der Insel zurückgelassen“, berichtet Rainer Krause. Vor allem aber spüren und erleben alle intensive Wertschätzung füreinander. Alles zusammen befördert die Teamarbeit in den Unternehmen. Hier soll es Hand in Hand gehen, soll Verständnis herrschen aber es wird auch Leistung gefordert, die die Azubis nach all den Erlebnissen gern bereit sind zu geben.

Nach diesem Ausbildungsauftakt treffen sich die Azubis regelmäßig, tauschen sich aus, sprechen mit ihren Vorgesetzten, artikulieren Ideen und bringen auch Kritik vor. „Wir pflegen diese Kultur ganz bewusst, weil wir uns als Unternehmen sonst nicht optimal entwickeln können“, ist Rainer Krause überzeugt. Kein Wunder also, wenn die meisten Azubis den Unternehmen treu bleiben. Und viele von jenen, die nach der Lehre ein Studium absolvieren, melden sich irgendwann bei ihrem einstigen Personalchef mit der Frage, ob sie zurückkehren können.

„Das ist unser Lohn“, sagt Rainer Krause, der auch nach drei Jahrzehnten in diesem Job unverändert große Freude an den Entwicklungen der Azubis empfindet. Mohammad Al Sbih Al Mohamed ist schon heute überzeugt davon, dass er, wenn die Verantwortlichen mit seiner Leistung zufrieden sind, hier seine berufliche Heimat gefunden hat. „Wer das erlebt hat, was ich erlebt habe, der ist für diese Aufnahme ewig dankbar“, sagt er und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.

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