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Baerbock verlangt Afghanistan-Untersuchungsausschuss

Annalena Baerbock, über dts Nachrichtenagentur

Berlin (dts Nachrichtenagentur) – Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat sich für einen Untersuchungsausschuss ausgesprochen, der Fehler des Afghanistan-Einsatzes aufarbeiten soll. Die Bundesregierung sei aus innenpolitischen Erwägungen nicht dazu bereit gewesen, die afghanischen Ortskräfte früh genug aus dem Land herauszuholen, sagte sie am Montag zehn ARD-Popwellen.

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Das sei für die deutsche Außenpolitik wirklich katastrophal und erst recht für die Afghanen dort im Land. „Man muss diesen Einsatz sehr kritisch evaluieren. Deswegen ist mein Vorschlag zum einen, das was an wirklich schlimmen Fehlern von Seiten der Bundesregierung passiert ist mit Blick auf die Ortskräfte, brauchen wir einen Untersuchungsausschuss“, so die Grünen-Vorsitzende. Außerdem sprach sie sich für eine Afghanistan-Konferenz aus, an der unter anderem Russland, China und die Nachbarstaaten Afghanistans teilnehmen sollten.

Baerbock forderte, die USA müssten weiter dafür sorgen, dass der Flughafen von Kabul offengehalten wird: „Wir sind gemeinsam in diesen Einsatz reingegangen und es kann jetzt nicht nur um amerikanische Staatsbürger und amerikanische Verbündete gehen, sondern es geht jetzt auch darum, andere Ortskräfte, die für andere NATO-Truppen gearbeitet haben, rauszuholen.“ Da seien noch so viele Menschen, die mit dem Tod bedroht werden, und da könne man sich „nicht einfach vom Acker machen, um es mal platt zu sagen, in dieser wirklich katastrophalen Lage“. Der US-afghanische Autor Khaled Hosseini appellierte, die humanitäre Katastrophe in Afghanistan nicht aus den Augen zu verlieren, die sich in den Provinzen des Landes anbahne. „Wer Zeitungen liest oder Nachrichten sieht, wird Zeuge, wie Tausende Afghanen in Kabul versuchen, aus dem Land zu kommen“, sagte Hosseini der „Süddeutschen Zeitung“ (Dienstagsausgabe).

„Wen wir kaum sehen: die Millionen Menschen, die im Hinterland Unterstützung brauchen.“ Hosseini, dessen erster Roman „Drachenläufer“ von 2003 die Gewalt gegen Minderheiten und die erste Herrschaft der Taliban in einer Fluchtgeschichte spiegelte und der sich weltweit über acht Millionen Mal verkaufte, engagiert sich seit Jahren als Botschafter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Wegen der schlechten Sicherheitslage kämen aber selbst UNHCR-Mitarbeiter nicht zu der mehr als einer halben Million Menschen, die derzeit im Land auf der Flucht seien. Dass das Engagement der USA und seiner Verbündeten in Afghanistan von Anfang an dem Untergang geweiht war, glaube er nicht.

Es sei jedoch nie gelungen, eine funktionale Regierung zu etablieren. Dass die afghanische Armee, deren Mitglieder teils Monate nicht bezahlt wurden, nun schnell kollabierte, überraschte den heute 51-Jährigen nicht. „Die Demoralisierung der Soldaten ist nachzuvollziehen.“ Die Frage, ob die Aufbau-Arbeit von 20 Jahren vergebens war, hält Hosseini für „legitim“: Eine Verfassung, die ein Viertel der Parlamentssitze für Frauen reserviert, eine gut ausgebildete Jugend, Meinungsfreiheit – diese Errungenschaften seien „nicht vom Himmel gefallen, sondern mussten schmerzhaft erkämpft werden, durch Blut, Schweiß und Tränen“, so der Schriftsteller.

„Wird all das zurückgedreht?“ Was die Beteuerungen der Taliban angingen, Menschenrechte nach ihrer Machtübernahme garantieren zu wollen, zeigte sich Hosseini skeptisch: „Was die Taliban sagen, ist das eine. Was sie in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren tun werden, das andere.“ Besonders Frauen und Mädchen sieht der Autor in Gefahr, schon weil sich nicht alle Mitglieder der Miliz an Befehle hielten. Die Taliban hätten immer Probleme damit gehabt, ihre Kämpfer in der Provinz zu kontrollieren, so Hosseini.

Als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte, befand sich der heute in Nordkalifornien lebende Autor in Paris, wo sein Vater als afghanischer Botschafter diente. Die Familie kehrte nie in die Heimat zurück und fand politisches Asyl in den USA, schreibt die SZ. Hosseini studierte Medizin und arbeitete zunächst als Internist. Nun hofft er, dass die Vereinigten Staaten in jenem Maße Geflüchtete aufnehmen, wie sie es nach dem Fall Saigons taten – damals kamen mehr als 130.000 Menschen aus Südostasien ins Land, sie haben „unserer Gesellschaft seither viel gegeben“, so Hosseini.

Foto: Annalena Baerbock, über dts Nachrichtenagentur

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