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Antibiotika in Ställen: Eine Frage der Haltung?

Mehr als 100 Interessierte folgen der Einladung zum Informationsgespräch über den Einsatz von Antibiotika in Ställen. Otmar Ilchmann, Stig Tanzmann, Peter Meiwald, Gerhard Schwetje und Dr. Imke Lührs machten ihre Positionen deutlich.

Mehr als 100 Interessierte folgen der Einladung zum Informationsgespräch über den Einsatz von Antibiotika in Ställen. Otmar Ilchmann, Stig Tanzmann, Peter Meiwald, Gerhard Schwetje und Dr. Imke Lührs (von links) machten ihre Positionen deutlich.
Foto: Barthel Pester

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Ofen (am/pm) – Industrielle Tierhaltung funktioniert nicht ohne den Einsatz von Antibiotika. Doch die Erreger passen sich an und gefährden die Gesundheit der Menschen. Ob die Gefahr von Antibiotika-Resistenzen aus den Ställen droht, fragten sich am Montagabend mehr als 100 Interessierte unter dem Thema: „Tierhaltung – eine Frage der Haltung. Droht das postantibiotische Zeitalter?“ Zu der Diskussion mit Interessenvertretern hatte Peter Meiwald (MdB), umweltpolitscher Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, ins Friedrich-Hempen-Haus nach Bad Zwischenahn-Ofen eingeladen.

Ärzte und Pflegepersonal in Praxen und Kliniken führen einen oft aussichtslosen Kampf gegen Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern. Das Auftreten von MRSA hat sich seit 1992 verzehnfacht. Vorsichtige Schätzungen sprechen von 132.000 MRSA-Nachweisen jährlich in Deutschland und etwa 30.000 Todesfällen durch MRSA und andere Erreger, die mit den vorhandenen Antibiotika nicht mehr zu bekämpfen sind bzw. Klinikbehandlungen extrem verteuern.

Dr. Imke Lührs, Rheumatologin aus Bremen und Mitglied der Initiative Ärzte gegen Massentierhaltung, forderte deshalb einen sinnvollen Einsatz von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin, ein Verbot des Einsatzes von Reserveantibiotika in der Tierhaltung und die Einführung einer Meldepflicht bei Feststellung antibiotikaresistenter Keime.

Gerhard Schwetje, konventionell wirtschaftender Landwirt und Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, verwies auf das Bundesamt für Risikoforschung, das den Landwirten exakt an die Hand gebe, wie viel Antibiotika sie ihren Tieren verabreichen dürften. Ein weiterer Aspekt der intensiven Tierhaltung sei, dass sie sich dem Weltmarkt stellen müsse.

Dem widersprach Otmar Ilchmann, Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (ABL), weil in Ställen mit mehreren Tausend Tieren, insbesondere in der Geflügel- und Schweinehaltung, alle Tiere vorbeugend mit Antibiotika versorgt werden müssten, wenn einige wenige Tiere in der eng zusammenlebenden Herde erkrankt seien. Deswegen müssten die Haltungsbedingungen geändert werden. Eine Verringerung der Tierbesatzdichten, Auslauf der Tiere im Freien und eine Rückkehr zur Erzeugung der Futtermittel auf dem eigenen Hof würden diesem Problem entgegenwirken, gleichzeitig aber auch eine Verbesserung der Nitratbelastung des Grundwassers reduzieren.

Stig Tanzmann von Brot für die Welt appellierte an das Verantwortungsbewusstsein der Pharmaindustrie, den Missbrauch von Antibiotika im Stall nicht weiter auf die Spitze zu treiben. Schließlich sei das Thema dieses Abends ein globales Gesundheitsthema. Zwar stürben auch in Deutschland immer mehr Menschen an Infektionen mit resistenten Keimen, doch in den sogenannten Entwicklungsländern könne sich kaum jemand ein Antibiotikum leisten.

Stig Tanzmann und Peter Meiwald forderten mehr Geld für die Forschung, um auch zukünftig mit Antibiotika Menschen schützen zu können. Allerdings müsse dringend dafür gesorgt werden, dass ausreichend wirksame Antibiotika zur Verfügung stehen und nicht zur Lösung der Probleme der industriellen Tierhaltung gebraucht werden. Die Grünen fordern in diesem Zusammenhang eine Änderung des Dispensierrechtes der Tierärzte, so dass diese nicht mehr selbst an den von ihnen verordneten Antibiotika finanziell profitieren. Doch auch der Systemfrage nach der Zukunft der Landwirtschaft – gerade in unserer Region – müsse gestellt werden, so MdB Peter Maiwald.

Dies war auch Tenor der Diskussion mit dem Publikum, in dem auch zahlreiche Landwirte vertreten waren. Wenn es so weiterginge, würden die bestehenden Probleme mit Antibiotika-Resistenzen ebenso verschärft werden wie der bröckelnde Rückhalt der Bauern in der Bevölkerung und die Tendenz zum Sterben der Höfe. Einig war sich das Podium, dass dazu der Dialog mit den konventionellen Landwirten wie mit den Biobauern zugunsten einer urenkeltauglichen Landwirtschaft dringend verstärkt werden müsse.

Als Veranstalter des Informationsaustausches traten die Ärzte gegen Massentierhaltung e.V., der BUND, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), das ökumenische Zentrum Oldenburg (ÖZO), der Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen (VEN) und Bündnis 90/Die Grünen auf.

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1 Kommentar

  1. Michael Reins
    30. April 2015 um 9.40

    Es ist immer sehr leicht, sich einen Verantwortlichen zu suchen, dem man es anlasten kann wenn etwas schief geht. Das dort aber schon im Vorfeld über Jahrzehnte eine Resistenz aufgebaut hat, indem Patienten von ihren Ärzten für fast jedes Zipperlein gerne Antibiotika bekamen, wird gerne mal verschwiegen. Alleine schon der regelrechte Wahn, alles „anti-bakteriell“ zu halten, hat sein übriges dazu getan. Der menschliche Körper hat nicht die geringste Chance, sich gegen „Angreifer von außen“ zu wehren und ein anständiges Immunsystem aufzubauen. Die liebe Mutti hat ständig ein Spray dabei, damit schon die Kleinsten mit nichts in Berührung kommen können, was dem Aufbau des Immunsystems hilft.
    Dann haben wir noch das am schärfsten kontrollierte Lebensmittel Trinkwasser, das alleine schon durch den Menschen mit allerlei Medikamentenresten belastet ist, die nicht heraus gefiltert werden können. Hört man dann die offiziellen Stimmen, gibt es immer nur eines: „Es besteht keine Gefahr für den Menschen“ – das Wasser müßte allerdings rezeptpflichtig sein oder zumindest sollte es vom Wasserversorger einen Beipackzettel geben.
    Wenn wir dann die Lebensmittelindustrie anschauen ist kaum nachvollziehbar, warum man sich gerade die Tierzüchter herausfischt, obwohl auch im Anbau von Obst und Gemüse gewaltig Schindluder getrieben wird und Bio-Bauern Spritzmittel verwenden, die mit Gefahrenkennzeichen darauf hinweisen, das man Umweltschädliche Mittel verwendet. Das aber interessiert niemanden, denn das ist ja Bio; man muß schon ziemlich fest daran glauben dort etwas besonders gutes zu bekommen – aber jedem das seine.
    Alle Produzenten von Lebensmitteln haben eines gemeinsam: Alle müssen sie ihren Lebensunterhalt verdienen und werden alles dafür tun, damit ihre Produkte mit möglichst wenig Verlust auf den Markt kommen. Statt die Tierzüchter als Ursache allen Übels heranzuziehen, sollte man sich Gedanken dazu machen, wer denn diese Art der Tierhaltung überhaupt erst ermöglicht hat, obwohl man sich darüber im klaren hätte sein müssen, das es soweit kommt wie es gekommen ist.
    Und wenn das Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada durchgewunken wird, werden sich die Zustände noch weiter verschärfen. Doch dazu schweigt man in Berlin wie auch anderswo.
    Tragisch ist dabei nur, das man vorgibt, sich um unsere Gesundheit zu sorgen – auch hier muß der Glaube wohl wirklich sehr stark sein.