
Zehn verschiedene Störungen werden über die Lämpchen an der Karte angezeigt. Verkehrsingenieur Stefan Brandt freut sich über jedes grüne Licht, denn Rot bedeutet, dass eine Ampel ausgefallen ist. Dass im Bereich der Erfassungsschleifen etwas nicht stimmt, kann er an den zwei lilafarbenen Lampen erkennen.
Foto: Anja Michaeli
Oldenburg (am) Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger haben oftmals das Gefühl, dass ihre Wartezeiten vor Ampeln zu lang sind, die Grünphasen zu kurz. Dabei haben die Verwalter der Grünzeiten nur insgesamt 60 Sekunden „freie Fahrt“ an alle Verkehrsteilnehmer zu verteilen, um den Verkehrsfluss nicht zu stören und die Sicherheit zu gewährleisten. Warum welche Entscheidungen in Oldenburg getroffen werden und wieso beispielsweise das Wetter in der Huntestadt eine besondere Rolle spielt, erklären die Mitarbeiter der Verkehrszentrale in der Amalienstraße.
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177 Ampelanlagen gibt es im Stadtgebiet. Überwacht werden sie in der Verkehrszentrale an der Amalienstraße. Zwei Verkehrsingenieure und ein Bautechniker organisieren und kontrollieren die Schaltungen der Ampeln, die Parkleitsysteme und die Belegung der Parkhäuser. Sie planen, geben Ziele vor, testen neue Programmierungen in der Simulation, dokumentieren und tragen gemeinsam mit den leitenden Angestellten die Verantwortung. Für Aufgaben wie die Reparatur von defekten Ampelanlagen greift die Verwaltung auf externe Firmen zurück. Außerdem besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei und den Verkehrsunternehmen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Die neue Rechneranlage, die quasi in einen Schrank passt, steuert alle Ampelanlagen in Oldenburg. Die Zielsetzung der Verkehrsplaner ist es, möglichst allen gerecht zu werden, denn der ÖPNV, die Auto- und Radfahrer sowie die Fußgänger benötigen ihre Grünzeiten.
Die Steuerung der Grünphasen richtet sich nach dem Verkehrsaufkommen. Erfassungsschleifen zählen Autos und Fahrräder. Teilweise schon 200 Meter vor den Ampelanlagen beginnt die Zählung. Beispielsweise wurden am Pferdemarkt 30 bis 40 dieser Schleifen verlegt. An dieser Stelle werden Radfahrer und Fußgänger zusätzlich durch Infrarotkameras erfasst. „Das Besondere in Oldenburg ist, dass wir hier auch die Radfahrer zählen“, weiß Verkehrsingenieur Stefan Brandt. Das System erkennt den aktuellen Bedarf und kann, beispielsweise bei zahlreichen radfahrenden Kindern auf dem Schulweg gegen 7.30 Uhr, die Grünzeiten passgenau verändern. In Oldenburg liegen die Spitzenzeiten im Verkehr zwischen 7.20 bis 8 Uhr und von 16 bis 18 Uhr. „Der Verkehr ballt sich morgens in einer Viertelstunde“, so Verkehrsamtsleiter Bernd Müller. Diese deutschlandweit wohl einmalige Technik wird seit drei Jahren genutzt.
Der Computer in der Verkehrszentrale schaltet und waltet weitgehend automatisch. Fachdienstleiter Michael Becker (links) und Verkehrsamtsleiter Bernd Müller stellen den neuen Rechner vor.
Foto: Anja Michaeli
Eine Studie aus 2009, erstellt in Kooperation mit der Universität Oldenburg, hat ergeben, dass rund 43 Prozent der Oldenburger das Rad nutzen. Das gilt in besonderem Maße unter anderem an der Cäcilienbrücke: Hier fahren morgens mehr Rad- als Autofahrer, deshalb ist die Grünphase für Radfahrer länger. Sehr deutlich sei zu erkennen, wann es zum Beispiel Zeugnisse gegeben hat oder viele Bürger wegen Regen auf den ÖPNV oder das Auto umsteigen. Dementsprechend variieren die Grünzeiten. Neben der Cäcilienbrücke sind auch die Ampelschaltungen an den Kreuzungen Schlosswall / Damm und Gartenstraße radverkehrsabhängig. „In Oldenburg werden bei schlechtem Wetter die Ampelanlagen anders geschaltet“, sagt Müller. „Das ist in Deutschland ziemlich einmalig“, betont Stefan Brandt.
Die freie Fahrt für den Kfz-Verkehr, die sogenannte „Grüne Welle“, liegt allen Berechnungen zugrunde. Aber heute wird nicht nur der Autoverkehr bedacht, sondern auch alle anderen Verkehrsteilnehmer. „Die Busse fahren vorberechtigt und auch die Radfahrer wollen länger grün haben“, so Müller. Dadurch wird der Rhythmus der „Grünen Welle“ verschoben. Schwierig würde es, sagt Bernd Müller, wenn zwei starke Verkehrsströme wie am Heiligengeistwall aufeinander treffen. Wenn die Verkehrsmenge hoch ist, könne keiner bevorzugt werden.
Die Busse der Verkehr und Wasser GmbH (VWG) senden ein Funktelegramm an die Ampeln, die als Funkempfänger voll automatisch erkennen, wann der Bus kommt und für freie Fahrt sorgen. Ärgerlich sei es, wenn der Bus wegen eines Störeinflusses nicht so fahren kann wie geplant, erklärt Brandt. Das könne dann nicht abgeschätzt werden. Nach 120 Sekunden wird die Anmeldung des Busses ignoriert. Das sei aber die Ausnahme, denn in der Regel beträgt die Wartezeit 60 bis 70 Sekunden. „Wenn zum Beispiel Fußgänger zu lange warten, verlieren sie die Geduld und gehen bei Rot über die Ampel“, so Müller.
Nachts werden um 20.30, 23 und 24 Uhr einige Anlagen wegen des geringen Verkehrs abgeschaltet. Nach der Kritik von Anwohnern, wurden kürzlich mehrere Ampeln umgerüstet. Sie können bei Bedarf über ein Drucksystem in Betrieb genommen werden. Diese Anlagen – unter anderem an der Vollkreuzung Hundsmühler Straße / Sodenstich – sind gekennzeichnet. „Damit sind wir sehr zufrieden“, so Müller. Ein weiterer Anlass, eine Schaltung zu ändern, seien die schweren Unfälle an der Autobahnauffahrt Hundsmühler Straße gewesen (ortsunkundige Autofahrer übersahen Radfahrer). Mit getrennten Grünzeiten haben die Mitarbeiter der Verkehrszentrale mehr Sicherheit geschaffen.
Morgens verzeichnen die Verkehrsingenieure 15 Minuten lang Spitzenwerte im Oldenburger Verkehr.
Grafik: Stadt Oldenburg
Zurzeit wird über eine Abschaltung der Ampeln an Sonntagen diskutiert. Und es gibt weitere Ideen, die in der Zukunft entwickelt werden könnten. „Beispielsweise wäre es möglich, Rollatoren von alten Menschen mit einem Sender zu bestücken, damit die Ampelanlagen erkennen können, dass die Überquerung der Straße länger dauern wird“, schlägt der Verkehrsamtsleiter vor. Natürlich gebe es bei allen Überlegungen immer strenge Regeln, die eingehalten werden müssen. „Sicherheit geht über alles, da gibt es keine Kompromisse“, so Müller.
